Japanische Geduldsproben

19.09.06

Permalink 23:30:34, von admin, 551 Wörter, 1610 Ansichten  
Kategorien: Everyday Life

Japanische Geduldsproben

Habe ich bereits erwähnt, dass dieses Land einen gelegentlich echt nerven kann?
Heute durfte ich ja beim Immigration Office vorbeischauen, um meine Wiedereinreiseerlaubnis zu beantragen.
Vermutlich hätte ich früher aufstehen sollen, denn als ich gegen 11 dort aufgetaucht bin, waren bereits 132 Leute vor mir am warten, wie mir der nette Ticketautomat bei meiner Ankunft mitteilte. Umgerechnet in Stunden bedeutet das 3 Stunden Wartezeit, da die Schalter chronisch unterbesetzt sind. Jedes Mal, wenn ich in diesem Laden bin, stelle ich fest, dass deutsche Behörden vielleicht doch nicht sooooo übel sind. Zumindest ist eine derartig lange Wartezeit mir in Deutschland bisher definitiv noch nie passiert. (In Japan allerdings sonst auch nicht - die Wartezeiten am Immigration Office schlagen echt alle Rekorde) Eigentlich könnte mich meine Firma dafür ja am Donnerstag früher nach Hause gehen lassen... ;)

Auf jeden Fall ist es immer wieder spannend, die Leute im Wartesaal zu beobachten. Zwischen mißmutig dreinblickenden, älteren Männern, permanent am Handy klebenden jungen Frauen und fröhlich in der Spielecke lärmenden Kindern gibt es immer wieder ganz besondere Anblicke, die unweigerlich meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine Frau, von der alles, abgesehen von den Augen durch eine schwarze Burka verhüllt war, und die in ihrem Aufzug irgendwie dunkel an ein Schloßgespenst erinnerte, zusammen mit ihrem ebenfalls traditionell gekleideten Mann, brauchte zum Beispiel nur an der Spielecke vorbeizugehen, schon fingen Kinder völlig verschreckt an, zu weinen oder liefen zu ihren Müttern.
Noch spannender fand ich persönlich allerdings die "Japanerinnen-Verkleidung" einer Dame, die eine Weile neben mir saß und laut ihrem Paß Amerikanerin war. Nicht nur, daß sie ihre ganz offensichtlich hellen Haare schwarz gefärbt hatte, nein, zum typischen Japanisches-Girlie-Styling kam auch noch eine dicke, dunkle Dior-Sonnenbrille, damit auch bloß niemand ihre Augen sehen konnte, die sie als Nicht-Asiatin verraten hätten. Nicht, daß es mich nicht auch gelegentlich nerven würde, hier sofort als Ausländerin erkannt zu werden, aber für mich hat die Japanerinnen-Verkleidung einen ganz gravierenden Nachteil... Selbst die schönste Verkleidung inklusive Augenlid-OP hilft leider nicht gegen mangelnde Sprachkenntnisse. In sofern bleibe ich doch lieber authentische Deutsche, als zur "verkleideten Japanerin" zu mutieren. ;)

Generell gibt es erstaunlich wenig Kontakte zwischen den Wartenden. Jeder ist mit irgendwas beschäftigt, döst vor sich hin, versucht den vom langen Warten langsam genervten Nachwuchs zu beruhigen, oder starrt in die Luft.

Irgendwann kurz nach 14 Uhr war ich dann endlich dran und durfte meine beiden 3000 Yen-Marken und zwei Antragsformulare gegen einen neuen Aufkleber in meinem Paß eintauschen. Das ging dann letztendlich sogar erstaunlich fix, freundlich, wie immer, und reibungslos, so daß meiner Reise nach Deutschland nun nichts mehr im Weg steht. :)

Ansonsten waren die letzten Tage eher ereignislos. Meine geplante Tour nach Atami ist, wie erwartet, dem Taifun zum Opfer gefallen und ich habe das Wochenende inklusive des Feiertags dank Dauerregens mit Uni-Arbeiten und Reisevorbereitungen verbracht. Ich hoffe, ab dem nächsten Semester stellt sich hier so langsam der Alltag ein. Immerhin habe ich jetzt eine Wohnung, Arbeitserlaubnis und sonstige Formalitäten erledigt, meine Pflichtvorlesungen abgehakt, mein Promotionsthema abgesteckt und bald auch das Training in Deutschland hinter mir... Es kann eigentlich nur weniger stressig werden, aber das glaube ich, realistisch betrachtet, schon seit mindestens 8 Jahren... ;) Irgendwas wird irgendwem schon einfallen, um mich zu beschäftigen.

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